| Das Leben ist gnädig;
jeden Augenblick schenkt es uns einen Anfang. Jede Sekunde drängt uns die Frage auf: Wer bin ich? - Wir
stellen sie nicht; das ist der Grund, weshalb wir den Anfang nicht
finden. Der Schlüssel zur Macht über die innere Natur ist verrostet seit der Sintflut. Er heißt: - Wachsein. Wachsein ist alles. Von nichts ist der Mensch so fest überzeugt, wie davon, daß er
wach sei; dennoch ist er in Wirklichkeit in einem Netz gefangen, das er
sich selbst aus Schlaf und Traum gewebt hat. Je dichter dieses Netz,
desto mächtiger herrscht der Schlaf; die darein verstrickt sind, das
sind die Schlafenden, die durchs Leben gehen wie Herdenvieh zur
Schlachtbank, stumpf, gleichgültig und gedankenlos. Die Träumenden
unter ihnen sehen durch die Maschen eine vergitterte Welt, - sie
erblicken nur irreführende Ausschnitte, richten ihr Handeln darnach ein
und wissen nicht, daß diese Bilder bloß sinnloses Stückwerk eines
gewaltigen Ganzen sind. Diese »Träumer« sind nicht, wie du vielleicht
glaubst, die Phantasten und Dichter - es sind die Regsamen, die Fleißigen,
Ruhelosen der Erde, die vom Wahn des Tun's zerfressenen; sie gleichen
emsigen, häßlichen Käfern, die ein glattes Rohr emporklimmen, um von
oben - hineinzufallen. Sie wähnen wach zu sein, aber das, was sie zu
erleben glauben, ist in Wahrheit nur Traum, - genau vorausbestimmt im
kleinsten Punkt und unbeeinflußbar von ihrem Willen. Sei wach bei allem, was du tust! Glaub nicht, daß du's schon bist. Nein, du schläfst und träumst. Stell dich fest hin, raff dich zusammen und zwing dich einen einzigen Augenblick nur zu dem körperdurchrieselnden Gefühl: »Jetzt bin ich wach!« Gelingt es dir, das zu empfinden, so erkennst du auch zugleich, daß der Zustand, in dem du dich soeben noch befunden hast, dagegen wie Betäubung und Schlaftrunkenheit erscheint. Das ist der erste zögernde Schritt zu einer langen, langen Wanderung von Knechttum zur Allmacht. Auf diese Art geh vorwärts von Aufwachen zu Aufwachen. Es gibt keinen quälenden Gedanken, den du damit nicht bannen könntest; er bleibt zurück und kann nicht mehr zu dir empor; du reckst dich über ihn, so wie die Krone eines Baumes über die dürren Äste hinauswächst. Die Schmerzen fallen von dir ab wie welkes Laub, wenn du einmal so weit bist, daß jenes Wachsein auch deinen Körper ergreift. Die eiskalten Tauchbäder der Juden und Brahmanen, die
Nachtwachen der Jünger Buddha's und der christlichen Asketen, die
Foltern der indischen Fakire, um nicht einzuschlafen, - sie alle sind
nichts anderes als erstarrte äußerliche Riten, die wie Säulentrümmer
dem Suchenden verraten: Hier hat in grauer Vorzeit ein geheimnisvoller
Tempel des Erwachenwollens gestanden. |
Entwicklung der menschlichen Werte in uns
Weitere Eigenschaften zur Entwicklung der menschlichen Werte in uns
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