Die Bedeutung der drei Nullen für die Evolution des Menschen

  Dr. G. Venkataraman im Interview mit Isaac Tigrett

für Radio Sai Global Harmony

  

Sai Ram und willkommen in unserem Studio. Ich bin sicher, du hast viel zu erzählen. Aber am besten beginnen wir mit meiner Frage, ob du ein wenig über dich selbst berichten magst, und das wird uns dahin führen, wie du zu Swami gekommen bist.

 Ja. Ich bin im Süden von Tennessee in den USA aufgewachsen. Meine Vorfahren waren schottische Minister. In Amerika wurden sie Unternehmer, Banker und Eisenbahnfabrikanten. Die Zeit, in der ich aufwuchs, war sehr, sehr schwierig. Ich wohnte am ‚Tigrett Platz’ und erhielt meine frühe Schulausbildung in der ‚Isaac Burton Tigrett Junior Schule’ in Jackson, einer Kleinstadt in Tennessee. Unsere Familie war sehr bedeutend. Daher heuchelten mir die älteren Leute Verehrung vor! Die Kinder hassten das und beschimpften oder schlugen mich täglich nach der Schule! Es war eine sehr ungewöhnliche Art des Aufwachsens.

 Swami hat mich erfahren lassen, was Er die drei Nullen nennt – die drei Dinge, die dich in der menschlichen Form am meisten beschäftigen und dich daran hindern, dich zu entwickeln. Die erste ist die Bindung an die Familie. Sie ist eines der größten Hindernisse, die dich davon abhalten, voranzukommen. Die zweite ist die Anhaftung an materielle Güter. Für viele Menschen sind ihre materiellen Güter ihre Identität im Leben. Sie horten sie und nutzen sie als falschen Trost und für den gesellschaftlichen Status. Aber sie halten sie davon ab, sich weiter zu entwickeln. Die dritte Anhaftung ist die, mit der ich am meisten Schwierigkeiten hatte: die Anhaftung an den Ruf. Dessen war ich mir wegen des Ansehens meiner Familie, des Wohlstands und der Macht seit meiner Kindheit sehr bewusst. Wir alle beschäftigen uns damit, was andere über uns denken. Deswegen müssen wir den Verlust der Bindung an die Familie, materielle Güter und den Ruf erfahren, wenn wir im Begriff sind, uns entwickeln, was ja der Sinn unserer Existenz ist.

 Hast du nicht darüber nachgedacht, dass das ein wenig ungewöhnlich war? Kinder denken über so etwas nicht nach. Das sind doch hoch spirituelle Problemstellungen!

 Ja, und das hat mich wiederum zu Swami geführt. Eines Tages, als ich in der Kirche saß, begann ein Prediger zu erklären, dass alle Hindus bis in die Ewigkeit in der Hölle verbrennen würden, und alle Muslime bis in die Ewigkeit in der Hölle verbrennen würden, und alle Juden bis in die Ewigkeit in der Hölle verbrennen würden, denn Jesus habe das gesagt! Da kam mir etwas in den Kopf und sprach: „Das hat er nicht gesagt!“ Wie können sie so etwas äußern? In diesem Moment wurde ich förmlich umgepolt! Das war der Beginn meiner spirituellen Reise, denn was ich erlebte, hatte mit Spiritualität zu tun statt mit künstlichen, dogmatischen Religionen, die dem Volk aufgezwungen wurden! Ich vermute, ich brauchte diese Erfahrung als ich sehr jung war; ich sollte mich davon distanzieren. Aber ich hatte nichts, woran ich mich festhalten konnte.

 Als ich 13 war erlitt ich einen Schock, als mein 11-jähriger Bruder in meinen Armen starb. Meine Mutter und mein Vater hatten sich scheiden lassen. Als mein Vater nach England zog, folgte ich ihm nach. Dank der Umstände, durch die Swami mich gnädigerweise führte, war ich dazu in der Lage, das Geld zu bekommen, das ich brauchte, um dort eins meiner Unternehmen zu gründen. In England arbeitete ich als ‚Teigjunge’ in einer Keksfabrik und sparte in anderthalb Jahren 600 Pfund. Mit diesem Geld wollte ich meiner Mutter ein Auto schenken. Nach langem Verhandeln kaufte ich für 600 Pfund einen ‚1954-Silverdawn’. Ich brachte ihn auf ein Schiff, das nach New York City auslief. Als ich das Auto von Bord fuhr, kam ein Mann zu mir und fragte: „Ist das ein ‚1954-Silverdawn’?“ Ich sagte: „Ja, mein Herr.“ Er bot mir an: „Ich gebe dir 30.000 Dollar für das Auto.“ Ich dachte an meine Mutter und all die harte Arbeit, die ich auf mich genommen hatte, um das Auto zu bekommen. Dann sagte ich: „Es ist ihres!“

 Ich fuhr zurück nach England und kaufte fünf weitere Autos! Ich brachte sie wieder auf ein Schiff nach NYC, gab ein Anzeige in der New York Times auf – und sie waren noch bevor ich dort ankam verkauft! Im nächsten Monat reiste ich zurück und kaufte 18 Autos. Ich hatte eine Marktlücke entdeckt. Niemand wusste, dass es einen solchen Preisunterschied zwischen England und den USA gab. Die Vermarktung dauerte neun Monate, bis sich diese Nische schloss. Ich war an der Spitze. Ich hatte so viel Glück! Auf meiner letzten Reise brachte ich 25 Autos mit. Auf einmal, innerhalb von neun Monaten, verdiente ich 500.000 Dollar. Zu der Zeit war ich 18 Jahre alt! Swamis Gnade!

 Hast du deiner Mutter das Geschenk nie gebracht?

 Oh doch! Ich brachte ihr danach in jedem Jahr einen Cadillac mit. Sie mochte das! Es waren die unglaublichen 60-er Jahre – eine revolutionären Zeit. Weltweit gab es eine Friedens- und Liebesbewegung. Die Jugend fuhr darauf einfach ab. Wir brachten unsere eigene Musik hervor, unsere eigene Poesie, unsere eigene Kleidung, unsere eigenen Dichter und unsere eigenen Helden. Ich verwendete das Geld, um in London das Hard Rock Café aufzubauen. Ich hatte keine Vorstellung von dem, was ich da tat. Swami war ganz bei mir. Das Hard Rock öffnete schließlich am 14. Juni 1971. Ich war erst 22. In der Eröffnungsnacht saßen die Beatles auf der einen Seite des Raums und die Rolling Stones auf der anderen. Da drüben saßen Eric Clapton mit Led Zepplin. All die Helden der Revolution waren Tag für Tag, Nacht für Nacht und Jahr für Jahr dabei. Das Hard Rock wurde das Symbol der musikalischen Revolution.

 Etwa zwei Jahre vergingen. Ich hatte ununterbrochen das Gefühl, dass mich jemand rief. Eine Stimme in meinem Kopf sagte ständig: „Ich warte auf dich! Ich warte auf dich!“ Ich wusste nicht, was das bedeutete. Ich wurde in den Osten gezogen; ich kam nach Indien herüber und nahm für etwa sechs Monate vom Hard Rock Abstand, um den Meister zu suchen, der mich gerufen hatte.

 Das war in welchem Jahr?

Es war 1974. Nachdem ich diesen Meister neun Monate lang gesucht hatte, gab ich auf. Zu dieser Zeit wohnte ich bei einer Familie in Delhi, die mir von einem obskuren, unbekannten Guru außerhalb von Bangalore erzählte. Später, als ich das Frühstück in einem Hotel in Aurangabad einnahm, rief mich die Stimme wieder: „Ich warte auf dich.“ Ich schaute auf und sah ein Bild von Sai Baba. Ich flog nach Bangalore und fuhr zu Seinem College in Whitefield, wovon ich hörte, dass er dort residierte. Ich trug gewöhnlich schwarze Kleidung – schwarze Sonnenbrille, langes Haar! Ich fuhr also nach Whitefield, wo sich am Sonntag eine Gruppe versammelt hatte. Es müssen 200 Menschen gewesen sein. Das war in jenen Tagen eine große Menge. Ich hielt mich zurück, lehnte an einer Mauer – mit meiner Sonnenbrille und meinem Haarband. Zu der Zeit gab es dort Bäume und einen kleinen Fußweg. Swami kam heraus, teilte die Menge und ging direkt auf mich zu. Er sagte: „Endlich bist du gekommen! Ich habe auf dich gewartet! Wir sind alte Freunde! Wir haben viel Arbeit zu erledigen! Warte hier!“ Er schuf Vibhuti für mich und ging weg. Danach sprach Er 15 Jahre lang nicht mehr mit mir! Ich kam drei- oder viermal jährlich von England – und blieb für zwei Wochen, manchmal einen Monat – wann immer ich dem Hard Rock Café fernbleiben konnte. Aber Er sah mich nie an. Heute bin ich dafür dankbar, denn ich weiß, warum Er das tat.

 Ich möchte zurückgehen zum ersten Mal, als Er dir sagte: „Ich warte auf dich.“ Was hat dir das bewiesen?

Ich wusste sofort, dass Er mein Guru war!

 Tatsächlich?

Natürlich, ich kannte das! Du weißt von der Stimme in meinen Kopf, die ständig sagte: „Ich warte auf dich! Ich warte auf dich!“ Und als ich Ihn sah, sagte Er: „Ich habe auf dich gewartet! Endlich bist du gekommen!“ In mir wusste ich, dass Er es war! Ich hatte Ihn endlich gefunden!

Und Er ließ dich 15 Jahre lang warten!

 Ja, das stimmt – 15 Jahre! Und in der Rückschau, wenn ich auf die Erfahrung mit Sai Baba oder das Sein mit dem Meister blicke – wie immer du es nennen willst, war das absolut perfekt. Denn nach den ersten Besuchen verschwand das Bedürfnis nach einem Interview. Er schaute 15 Jahre nicht einmal in meine Richtung! In diesen trostlosen Tagen in Puttaparthi waren – wenn es sehr heiß war – 20 Männer auf der einen Seite und 20 Frauen auf der anderen Seite. Sie alle bekamen drei oder vier Interviews – jeder, außer mir! Anstatt also mit der Form beschäftigt zu sein und Seine Aufmerksamkeit zu suchen, war alles, was ich tun konnte, Seine Werke zu lesen! Daher las ich 15 Jahre lang alles, was Er schrieb. Das machte mich mit dem formlosen Sai Baba vertraut.

 Warst du hier oder zurück in London?

Ich reiste durch die ganze Welt. Deshalb nahm ich so viele Bücher mit, wie ich bekommen konnte, von Kasturi, Gokak und Hislop. Gewöhnlich bekam ich monatlich den Rundbrief – ’Sanathana Sarathi’. Das war jeden Monat meine ‚Sai-Post’. Das war eine erstaunliche Reise. 15 Jahre lang studierte ich das Formlose und lernte die dynamische Welt kennen, in die ich zu treten schien. Im Hard Rock Café brachte ich Seine Sprüche wie ‚Liebe alle, diene allen’, ‚Hilf immer, verletze niemals’ auf Millionen T-Shirts, Kappen, Knöpfen, Ansteckern und so weiter an.

 Swami sprach nur einmal mit dir. Dennoch bist du wieder und wieder gekommen und warst ergeben. Aber du musst Höhen und Tiefen gehabt haben; wie hast du deinen Glauben inmitten all dessen behalten?

Die Erfahrung des Avatars ist die ultimative Erfahrung. Sie hat Dynamiken, die zeitweise schmerzlich erscheinen. Es ist grundsätzlich Seine Liebe für dich und Sein Wille, der dich nah an das Verständnis bringt, dass auch du formlos und göttlich bist. Ich werde nie das erste Interview, das ich nach 15 Jahren mit Ihm in Seinem Interview-Raum hatte, vergessen.

 War das hier oder in Whitefield?

Es war hier in Prashanti Nilayam. Er rief eine Gruppe von uns herein. Ich war allerdings in einem Schockzustand, das erste Mal an Seine Form heranzukommen. Er ließ mich zu Seinen Füßen sitzen, blickte geradewegs in meine Augen und fragte leise: „Wo ist Gott?“ Erschreckt sah ich Ihn an und sagte: „Gott ist in meinem Herzen.“ Er brüllte „Nein!“ Das erschreckte mich zu Tode, denn das war das erste Mal, dass ich nach 15 Jahren Seine Stimme hörte und ich hatte die Frage falsch beantwortet. Er schaute liebevoll auf mich und erklärte: „Das ist wie mit dem Fisch, der durch das Wasser schwimmt; das Wasser ist über dem Fisch, um den Fisch herum, unter dem Fisch und im Innern des Fisches.“ Er sagte: „Gott ist über dir, um dich herum, unter dir und in deinem Innern. Du bist wie ein Fisch, der durch Gott schwimmt!“ Da begriff ich, dass Gott überall ist; Er ist das Elektron in jedem Atom, gerade so wie ich es vermutet hatte. Jetzt war es klar. Dennoch ist es bis heute schwer, sich von einem Augenblick zum nächsten daran zu erinnern.

Jahrelang hatte ich Zweifel, ob das Hard Rock vielleicht doch nicht das Richtige war und suchte nach einer Art Bestätigung von Ihm, ob ich die richtige Sache machte. Dann sah Er mich an und fragte eine zweite Frage: „Wie kommst du zu Gott?“ Ich war erschrocken, weil ich die erste Frage falsch beantwortet hatte. Ich sagte nichts. Er ging dann von Einem zum Anderen und fragte: „Wie kommst du zu Gott? Wie kommst du zu Gott? Wie kommst du zu Gott?“ Keiner antwortete. Dann schaute Er mich mit diesem wundervollen Lächeln an und sagte: „Wie kommst du zu Gott? Liebe alle, diene allen!“ Da verschwanden all meine Zweifel und ich wusste, dass ich das Richtige getan hatte.

Dann nahm Er mich in Seinen privaten Interview-Raum mit und fragte: „Irgendwelche Fragen?“ Ich antwortete: „Ja. Warum musste ich 15 Jahre warten, um Dich wiederzusehen?“ Er meinte: „Großes Ego!“ Ich sagte: „Mir geht ein Licht auf. Ich verstehe! Oh! Das ist so fantastisch!“ Und dann sagte Er: „Hast du irgendwelche anderen Fragen?“ Ich sagte: „Ja, ich habe eine sehr ernste Frage. Warum wurde ich in eine Familie geboren, in der Lieblosigkeit, Gewalt, Tod, Zerstörung und Schrecken herrschten? Warum wurde ich in so eine Familie geboren?“ Ich habe diesen Sack an Schuld und Schrecken, seit ich Kind war, immer mit mir herumgetragen und war davon überzeugt, dass ich verwünscht sei. Er schaute einfach wie mein liebevoller Meister auf mich und sagte: „Um dein Herz weich zu machen.“ Da erkannte ich, dass das, was ich für einen Fluch gehalten hatte, tatsächlich ein Segen gewesen war - ein vollkommener Segen! All die Schuld und der Schrecken der Vergangenheit fielen in diesem Interviewraum von meinem Sein und ich habe von da an nie wieder zurückgeblickt.

 Das veranlasst mich zu einer Frage. In den etwa 15 Jahren – ab der Zeit, zu der Er sagte: „Ich habe auf dich gewartet“ bis zu der Zeit, zu der Er dich zu einem Interview rief, hast du da vielleicht ein irgendwie ungewöhnliches Erlebnis gehabt, in dem du die Gegenwart Seines schützenden Armes und Seiner Liebe gespürt hast? Kannst du dich an so etwas erinnern?

Da gibt es viele, aber lass mich eines erzählen. Ich war in Los Angeles auf einer großen Party. In jenen Tagen nahm ich Drogen – alle Arten von Drogen. Es war 3 Uhr morgens und ich war völlig bekifft und fuhr los, an den Strand, wo ich ein Haus in Malibu hatte. Ich fuhr einen Porsche Targa Sportwagen – oben offen und unangeschnallt. Ich kam zum Ende des Malibu Canyons und schlief bei 70 Meilen die Stunde ein. Das Auto stürzte durch die Leitplanken. Ich erwachte, als das Auto durch die Luft in eine 300 Fuß tiefe Schlucht hinab flog. Als das Auto sich zu drehen begann, spürte ich einen Druck auf meiner Schulter. Ich schaute nach rechts und da saß Sai Baba neben mir mit Seinem Arm um mich gelegt! Das Auto überschlug sich mehr als ein Dutzend mal. Die Frontseite war zerstört, die Windschutzscheibe flach gedrückt, die Türen verloren gegangen, selbst der Überrollbügel war unter meinen Schultern verbogen. Es landete aufrecht stehend. Warum es nicht explodierte, werde ich nie erfahren. Ich stieg aus diesem Haufen Metall aus und es war nicht ein einziger Kratzer an mir – nicht einmal ein blauer Fleck. Er hatte ein Schutzfeld um mich herum errichtet und mein Leben gerettet. Daran habe ich bis heute keinen Zweifel. Unter keinen Umständen hätte da jemand überleben können.

 Was geschah dann? Bist du einfach von dort weggegangen?

Ich bin einfach weggegangen! Ich eilte zum Flughafen, bekam ein Flugzeug nach Indien und eilte nach Puttaparthi, um Ihm zu danken. Er schenkte mir absolut keine Aufmerksamkeit oder dergleichen. Er sah mich nicht einmal an. Nach zwei Monaten flog ich zurück. Das war 1975.

 Hat Er zu irgendeinem Zeitpunkt darauf Bezug genommen oder andere Hinweise gegeben?

Ja – zweimal! Als wir 15 Jahre später das Krankenhaus bauten, war bei einem der vielen Treffen, an denen ich gesegnet war, teilzunehmen, eine Gruppe von Ärzten in Seinem Haus in Whitefield. Ich saß zu Seinen Füßen. Er hatte das Augenmerk aller im Raum und sagte: „Tigrett! Ich habe einmal dein Leben gerettet, stimmt’s?“ Ich sagte: „Ja, Swami. Das hast Du.“ Alle klatschten Beifall, als Er sich nach unten neigte und in mein Ohr flüsterte: „Und auch viele andere Male.“ Wir lachten beide, als Er mir zuzwinkerte und dieses göttliche Lächeln lächelte.

 

Mit freundlicher Genehmigung von der Redaktion des Sai Briefes


Übersetzung: Vera Kratz  

 

Bild: das Hard Rock Cafe in München

 

Der Avatar unserer Zeit